Kitzrettung

Die Kitzrettung

Heute möchte ich von einem meiner großen Herzensthemen erzählen: der Kitzrettung.

Im Zeitraum zwischen Ende April und Mitte Julibringen Rehgeißen ihre Kitze meist im hohen Gras zur Welt. Dort bleiben sie in den ersten Wochen meist allein, und die Mutter sucht ihr Kitz nur zum Säugen auf, damit es in seinem Versteck nicht entdeckt wird. In den ersten zwei Lebenswochen haben die Kitze einen angeborenen Duckinstinkt – das heißt: Bei Gefahr flüchten sie nicht, sondern ducken sich regungslos ins Gras. Erst nach ein paar Wochen, wenn die Kitze kräftig genug sind, setzt ihr Fluchtinstinkt ein.

Blöderweise überschneidet sich die Hauptsetzzeit – also die Zeit, in der die Kitze zur Welt kommen – mit der Heuernte. Die Rehkitze sind im hohen Gras so gut getarnt, dass sie von den Landwirten bei der Mahd praktisch nicht zu erkennen sind. Dadurch ist die Gefahr groß, dass die Kitze von den Mähmaschinen erfasst und getötet oder zumindest schwer verletzt werden.

Um dieses Problem zu lösen, gibt es die Kitzrettung. Hierfür gibt es viele regionale Vereine, wie zum Beispiel den KitzDrohne Inntal e. V., die die Wiesen vor der Mahd sorgfältig mit Wärmebilddrohnen nach Tieren absuchen.

An dieser Stelle vorab: Ich teile hier meine Erfahrungen mit dem Verein KitzDrohne Inntal e. V. Das Prinzip ist bei anderen Vereinen aber sehr ähnlich.

Kitzrettung – wie läuft das ab?

Vor Beginn der Saison können die Landwirte ihre Wiesen und Felder beim Verein melden. Die Flächen werden in einer Software registriert und optimale Flugrouten für die Drohnen programmiert. Während der Saison können die Landwirte auch selbst weitere Felder im System eintragen. Für einen konkreten Einsatz kann der Landwirt seine Wiese bis zum Vorabend des geplanten Mähtermins zur Kitzsuche anmelden.

Die Einsätze sind für die Landwirte völlig kostenlos. Der Verein finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden.

Jetzt sind die Koordinatoren gefragt: Sie planen jeweils am Vortag die Teams aus freiwilligen Helfern für die Einsätze. Ein Einsatzteam besteht immer aus einem Drohnenpiloten, einem Spotter, einem Berger-Team sowie einem SPOC (Single Point of Contact), der die zentrale Ansprechperson für alle Beteiligten des Einsatzes ist. Je nachdem, wie viele Wiesen angemeldet wurden, werden die Einsätze auf bis zu vier Teams aufgeteilt.

Alle Helfenden im Verein engagieren sich ehrenamtlich und melden sich freiwillig zu den jeweiligen Einsätzen. Während der Saison pflegt jedes Mitglied seine Verfügbarkeiten im vereinsinternen Online-Portal. Am Vorabend bekommt man dann Bescheid, ob man für einen Einsatz eingeplant wurde.

Die Einsätze beginnen sehr früh am Morgen, noch vor Sonnenaufgang, meist zwischen 4 und 5 Uhr. Teilweise gibt es auch Einsätze am Abend. Zunächst fliegt der Pilot nacheinander alle Wiesen mit der Wärmebilddrohne ab. Der Spotter sucht dabei aufmerksam auf einem Monitor nach auffälligen Wärmepunkten und somit nach potenziellen Kitzen. Werden welche entdeckt, werden deren genaue GPS-Koordinaten erfasst und an das Berger-Team weitergegeben. Oft sind die Kitze auf den Wärmebildern sogar deutlich zu erkennen.

Etwas später am Morgen – vor allem an sehr warmen und sonnigen Tagen – wird die Suche schwieriger. Dann leuchten nicht nur die Tiere, sondern auch Steine, Sträucher und Erdhügel auf. Ab diesem Zeitpunkt ist ein Einsatz mit der Wärmebildkamera kaum noch möglich – das erklärt die frühe Uhrzeit der Einsätze.

Das Berger-Team besteht meistens aus drei oder vier Bergern und einem BOB – dem „Boss of Berger“. Sobald ein potenzielles Kitz entdeckt wurde, erhält das Berger-Team die GPS-Koordinaten. Dann gehen die Berger als geschlossene Truppe in die Wiese, um das Kitz zu bergen. Mithilfe von GPS-Trackern werden die Wärmepunkte angelaufen. Sobald das Kitz entdeckt ist, wird es aus der Mähzone getragen und an einem schattigen Ort unter einem Wäschekorb gesichert.

Für das Helferteam geht es anschließend direkt weiter zur nächsten Wiese. Je nachdem, wie viele Flächen an einem Tag angemeldet wurden, kann ein Einsatz schon einmal 10 bis 15 Wiesen im Umkreis von bis zu 20 Kilometern umfassen. Bei der Koordination wird natürlich darauf geachtet, dass die Helfer möglichst wohnortnah eingeteilt werden und nach Möglichkeit Fahrgemeinschaften bilden.

Sobald alle Kitze auf einer Fläche gesichert sind, wird der Landwirt informiert, dass er die Wiese schnellstmöglich mähen kann. Nach der Mahd werden die Kitze sofort wieder freigelassen. Die Rehmutter ist meist ganz in der Nähe und beobachtet das Geschehen. Kaum ist das Kitz freigelassen, kommt sie zurück, um ihr Junges abzuholen und weiter zu versorgen.

Mein erster Einsatz in der Kitzrettung

Der erste richtige Einsatz ließ nicht lange auf sich warten. Direkt eine Woche nach der Übung ging es los.

Ende April, zu Beginn der Saison, waren die Temperaturen noch frisch und die Nächte etwas länger. Treffpunkt für unser fünfköpfiges Berger-Team war um 5:30 Uhr in Rohrdorf. Mein erster Eindruck war durchweg positiv: Alle waren sehr sympathisch und mir als Trainee gegenüber ausgesprochen hilfsbereit.

Da ab dieser Saison eine neue Software eingesetzt wurde, machten wir uns zunächst gemeinsam mit den Funktionen der neuen Apps vertraut.

Nach etwa einer Stunde kam vom Spotter die Meldung über einen POI. Ein Hase saß gemütlich auf der zu mähenden Wiese. Und natürlich werden nicht nur Kitze, sondern auch alle möglichen anderen Tiere vor den Mähmaschinen in Sicherheit gebracht.

Da ein Teamkollege mit seinem Campervan unterwegs war, in dem wir alle Platz hatten, fuhren wir gemeinsam zum betreffenden Feld. Dort angekommen gaben wir die GPS-Koordinaten in den Tracker ein, schlüpften in unsere Regenhosen, Gummistiefel und Handschuhe, nahmen unser Sicherungsmaterial – einen Wäschekorb mit zwei Heringen und einen langen, knallpinken Markierungsstab – und marschierten in Richtung der angegebenen GPS-Koordinate.

Der Hase bemerkte uns allerdings schon aus der Ferne und hoppelte davon. Da Hasen jedoch häufig nach kurzer Zeit zu ihrem Bau zurückkehren und nicht davon auszugehen ist, dass sie den großen Mähmaschinen rechtzeitig entkommen, setzten wir an der GPS-Koordinate den Markierungsstab. Der Landwirt sollte diese Stelle bei der Mahd großzügig umfahren.

Und damit war mein erster Einsatz auch schon beendet.

Ein ruhiger Saisonstart

Die nächsten drei Einsätze verliefen ruhig, ohne dass verdächtige Wärmepunkte von der Drohne entdeckt wurden. Anscheinend ließen sich die Rehgeißen in diesem Jahr etwas mehr Zeit mit dem Setzen ihrer Kitze.

Das frühe Aufstehen war aber auch an diesen Tagen nicht umsonst. Ich wurde mit wunderschönen Sonnenaufgängen, netten Unterhaltungen und dem guten Gefühl belohnt, dass kein Kitz in Gefahr war.

Nach einer Woche Dauerregen und damit ohne Einsätze ging die Saison an einem Donnerstagmorgen weiter.

„Mein“ erstes Kitz

Wir trafen uns als Berger-Team bereits um 4:30 Uhr am vereinbarten Parkplatz und wurden dort direkt von einem missmutigen Anwohner beschimpft. Was uns denn einfalle, so früh am Morgen an einem so abgelegenen Ort zu parken. Sein Hund habe sofort Alarm geschlagen und uns für Einbrecher gehalten. Wir konnten die Situation zwar aufklären, wurden aber trotzdem mit der Androhung verabschiedet, dass er beim nächsten Mal die Polizei rufen würde.

Kaum war der Morgenmuffel verschwunden, kam auch schon die Meldung über den ersten POI: Ein Kitz war in einer der zu mähenden Wiesen entdeckt worden.
Also fuhren wir in kleinen Fahrgemeinschaften zu der Wiese und machten uns dort direkt bereit. GPS-Koordinaten eingeben, Regenhose, Gummistiefel und – ganz wichtig – Handschuhe anziehen. Schließlich darf möglichst kein menschlicher Geruch auf das Kitz übertragen werden. Es besteht die Gefahr, dass dadurch Fressfeinde wie beispielsweise Füchse angelockt werden könnten. Deshalb pflückten wir jeweils einen Büschel Gras, um das Kitz damit aufnehmen zu können.

Mittlerweile war die Sonne bereits aufgegangen, sodass wir keine Stirnlampen mehr brauchten. Ausgerüstet mit dem GPS-Gerät, dem Wäschekorb samt zwei Heringen und den Markierungsstäben gingen wir zügig hintereinander im Gänsemarsch in Richtung des POIs. Etwa zehn Meter davor legten wir das Sicherungsmaterial ab und gingen von dort an nebeneinander weiter.

Der Plan war klar: Wer das Kitz als Erste oder Erster entdeckt, greift sofort zu und trägt es vorsichtig an den Waldrand. Eine andere Person holt das Sicherungsmaterial und bringt es ebenfalls dorthin.

Da die Kitze im dichten, hohen Gras hervorragend getarnt und nur schwer zu erkennen sind, gingen wir sehr langsam und aufmerksam weiter.

Und tatsächlich: Ich entdeckte das Kitz als Erste.

Also griff ich direkt zu, hob es vorsichtig hoch und trug es zügig aus der Wiese. Ab diesem Moment musste alles schnell gehen. Während ich das Kitz aus der Wiese brachte, holten die anderen Berger das Sicherungsmaterial und liefen mir zum Waldrand hinterher. Dort richteten sie im Schatten den Wäschekorb mit einem kleinen Häufchen Gras als Liegefläche her, auf das ich das Kitz behutsam legen konnte.

Sofort wurde das Kitz mit dem umgedrehten Wäschekorb gesichert, der mit zwei Heringen im Boden verankert wurde. Anschließend setzten wir noch einen Markierungsstab und speicherten die GPS-Koordinaten des Ablageortes in der App, damit das Kitz nach der Mahd schnell und sicher wiedergefunden werden konnte.

Die erfahrenen Kollegen schätzten das Alter des Kitzes auf höchstens ein bis drei Tage. Das kleine Geschöpf lag völlig regungslos am Boden und war sogar etwas kleiner und leichter als eine Katze.

Dieses Erlebnis – und vor allem dieses Gefühl, mein erstes Kitz in den Händen zu halten und zu wissen, dass ich ihm das Leben retten konnte – war einfach unbeschreiblich. Ich werde diesen Moment bestimmt nie vergessen.

Ich muss zugeben: Ein kleines Tränchen konnte ich mir dabei nicht verdrücken.

Aber dabei sollte es an diesem Tag nicht bleiben.

In der nächsten Wiese wurde bereits ein weiteres Kitz gemeldet. Also ging es für uns direkt weiter zum nächsten Feld. Dort lief zunächst alles nach dem gleichen Schema ab. Diesmal entdeckte eine andere Bergerin das Kitz zuerst und brachte es sicher aus der Wiese. Wir anderen liefen mit dem Wäschekorb hinterher, sicherten das Kitz an einem schattigen Ort, markierten den Ablageort und übermittelten die GPS-Koordinaten. Anschließend ging es direkt weiter zur nächsten Wiese, denn auch dort war bereits ein weiteres Kitz entdeckt worden.

Puh – das ging wirklich Schlag auf Schlag.

Mittlerweile waren wir als Team schon gut eingespielt und starteten die nächste Rettungsaktion ganz routiniert. Beim dritten Kitz war ich wieder diejenige, die es zuerst entdeckte. Also durfte ich auch dieses Kitz in Sicherheit bringen.

Es war bereits etwas größer und kräftiger als das erste, doch auch dieser Einsatz verlief völlig reibungslos.

Wenn nicht alles nach Plan läuft

Bei der letzten Wiese des Tages hatten wir weniger Glück.

Auch hier wurde ein Kitz entdeckt, also machten wir uns als Berger-Team wieder auf den Weg, um es in Sicherheit zu bringen. Dieses Kitz war allerdings schon etwas größer. Es bemerkte uns bereits aus größerer Entfernung und flüchtete in den Wald.

Das Problem war allerdings, dass bis zur Mahd der Wiese noch etwas Zeit vergehen würde – genug Zeit also, damit das Kitz möglicherweise an seinen ursprünglichen Liegeplatz zurückkehren konnte. Genau das mussten wir verhindern.

Für solche Fälle gibt es ein sogenanntes Vergrämungsspray. Der unangenehme Geruch soll die Tiere davon abhalten, in den Bereich zurückzukehren. Deshalb wurde das Spray am Waldrand versprüht – in der Hoffnung, dass das Kitz nicht wieder auf die Wiese zurückläuft.

Zusätzlich sollte der Landwirt einen magnetischen Wildretter an seinem Mähfahrzeug anbringen. Das Gerät erzeugt laute Pieptöne und soll größere Kitze rechtzeitig aufschrecken, sodass sie flüchten. Das funktioniert allerdings nur bei Kitzen, die den Duckinstinkt bereits abgelegt haben und kräftig genug sind, schnell davonzulaufen. Bei diesem Kitz sollte das bereits der Fall gewesen sein.

Vorsichtshalber baten wir den Landwirt außerdem, die Wiese besonders langsam zu mähen.

Gegen 9 Uhr war dieser spannende und ereignisreiche Morgeneinsatz für mich beendet und ich machte mich auf den Weg zur Arbeit.

Und weiter geht’s

Am nächsten Tag stand für mich direkt der nächste Einsatz an.

Auch an diesem Morgen durfte ich ein Kitz in Sicherheit bringen – diesmal schon ein etwas größeres und kräftigeres. Es strampelte ordentlich und schrie herzzerreißend. Ich hatte wirklich Mühe, es sicher festzuhalten, damit es sich nicht losreißen konnte. Aber auch diesmal hat alles gut geklappt.

Von da an war ich im Schnitt zweimal pro Woche für die Kitzrettung im Einsatz.

Ab Mitte Juni wurden die Kitze bereits größer und flüchteten meist sofort, sobald sie uns bemerkten. Gleichzeitig wurden die Einsätze wieder kürzer. Zum einen meldeten die Landwirte weniger Wiesen an, zum anderen wurden immer seltener Kitze von den Drohnen entdeckt.

Zwischendurch wurden noch ein paar Igel und ein Stockentennest geborgen, dann wurde es zunehmend ruhiger was die Einsätze anging.

Nach insgesamt 15 Einsätzen war Anfang Juli schließlich Schluss.

Insgesamt wurden durch den Verein an 53 Einsatztagen 1.210 Felder mit einer Gesamtfläche von über 2.200 Hektar abgesucht. Wie viele Kitze dabei insgesamt gerettet wurden, wird nicht verraten – aber es waren wirklich viele.

Mein Fazit: eine großartige und erfüllende Erfahrung

ch bin unglaublich froh und dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte.

Natürlich war das frühe Aufstehen anstrengend und im Laufe der Saison haben mich die Einsätze auch viel Energie gekostet. Aber jeder einzelne Einsatz war es wert.

Ich durfte unzählige wunderschöne Sonnenaufgänge erleben, viele tolle Menschen kennenlernen und dabei interessante Gespräche führen. Die Helfenden waren ein bunter Mix aus den unterschiedlichsten Altersgruppen und Berufen. Allein das war schon eine schöne Erfahrung, weil ich dadurch auch einmal aus meiner eigenen Bubble herauskam.

Außerdem habe ich die Umgebung meiner mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Heimat viel besser kennengelernt. Durch die Einsätze im Rosenheimer Umland habe ich Landschaften und Dörfer kennengelernt, in denen ich bisher noch nie war. Nach dieser Saison kenne ich mich deutlich besser in der Region aus und fühle mich noch etwas heimischer.

Und das Wichtigste überhaupt: das gute Gefühl, selbst etwas Sinnvolles bewirken zu können. Ich durfte dazu beitragen, dass kleinen Rehkitzen bei der Mahd nichts passiert und sie sicher ins Leben starten konnten.

Allein beim Schreiben wird mir schon wieder ganz warm ums Herz.

Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Saison. Denn auch im nächsten Jahr möchte ich mich auf jeden Fall wieder für die Kitzrettung engagieren.

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